14. In taberna quando sumus

T&M: „Carmina Burana"

Codex Buranus, Aufzeichnungsbeginn um 1230, München clm. 4660, Noten überliefert im „Ludus Danielis", Kloster von Beauvais (Nordfrankreich) ca. 1230, London Egerton fol.101

(Gotische Harfe geschnarrt, Subbaßblockflöte, Großbaßblockflöte, Triangel, Schellenkranz, Dombak, Soprancornamuse; Gesang: Thomas Schallaböck, Andreas Gutenthaler)

Item De Eodem

IN Taberna quando sumus

non curamus quid sit humus

sed ad ludum properamus

cui semper insudamus

quid agatur in taberna

ubi nummus est pincerna

hoc est opus ut queratur

sed quid loquar audiatur


Quidam ludunt quidam

bibunt quidam indiscrete vivunt

sed in ludo qui morantur

ex his quidam denudantur

quidam ibi vestiuntur

quidam saccis induuntur

ibi nullus timet mortem

sed pro bacho mittunt sortem


Primo pro nummata vini

es hac bibunt libertini

semel bibunt pro captivis

post hec bibunt ter pro vivis

quater pro christianis cunctis

quinquies pro fidelibus defunctis

sexies pro sororibus vanis

septies pro militibus silvanis


Octies pro fratribus perversis

novies pro monachis dispersis

decies pro navigantibus

undecies pro discordantibus

duodecies pro penitentibus

tredecies pro iter agentibus

tam pro papa quam pro rege

bibunt omnes sine lege


Bibit hera bibit herus

bibit miles bibit clerus

bibit ille bibit illa

bibit servus cum ancilla

bibit velox bibit piger

bibit albus bibit niger

bibit constans bibit vagus

bibit rudis bibit magus

Bibit pauper et egrotus

bibit exul et ignotus

bibit puer bibit canus

bibit presul et decanus

bibit soror bibit frater

bibit anus bibit mater

bibit ista bibit ille

bibunt centum bibunt mille


Parum durant sex nummate

ubi ipsi inmoderate

bibunt omnes sine meta

quamvis bibant mente leta

sic nos rodunt omnes gentes

et sic erimus egentes

qui nos rodunt confundantur

et cum iustis non scribantur

Ein weiteres über denselben Gegenstand

Wenn wir in der Schenke sitzen,

pfeifen wir auf's Erdenlos,

haben uns dem Spiel verschrieben,

schwitzen vor Geschäftigkeit.

Was im Wirtshaus so passiert,

wo das Geld der Mundschenk ist,

ist wohl eine ernste Frage.

Hört gut zu, was ich euch sage!


Manche spielen, manche saufen,

manche geben sich verwegen;

wo ein Spiel getrieben wird,

wird gar mancher ausgezogen,

mancher wird neu ausstaffiert,

mancher geht im Sack von hinnen.

Keiner fürchtet da den Tod,

springt für Bacchus in die Schranken.


Trunk Nummer eins: dem, der die Zeche zahlt,

den Windbeuteln, die profitieren;

Trunk zwei: für die Gefangenen,

der dritte: allen, die da leben,

der vierte: allen Christenmenschen,

der fünfte: die im Herrn entschlafen,

der sechste: allen leichten Schwestern,

der siebente: den Strauchrittern,


der achte: den perversen Brüdern,

der neunte: allen Bettelmönchen,

der zehnte: die auf Schiffen fahren,

der elfte: die im Zwiste liegen,

der zwölfte: für die Büßenden,

der dreizehnte: den Reisenden.

Auf Papst und Kaiser hemmungslos

säuft jeder seinen Wanst sich voll.


Es trinkt das Weib, es trinkt der Mann,

es trinkt der Krieger, trinkt der Pfaffe,

es trinkt ein Er und eine Sie,

es trinkt der Knecht, es trinkt die Magd,

es trinkt der Flinke, trinkt der Faule,

es trinkt der Gute, trinkt der Böse,

es trinkt der Stete, Launenhafte,

es trinkt der Tölpel, trinkt der Weise,

es trinkt der Arme und der Kranke,

es trinkt der Fremde, Unbekannte,

es trinkt die Jugend, trinkt das Alter,

es trinkt der Bischof, der Dekan,

es trinkt die Schwester, trinkt der Bruder,

es trinkt die Ahne, trinkt die Mutter,

es trinkt diese, es trinkt jener,

es trinken hundert, trinken tausend!


Kaum reichen hier sechs Zechen aus,

wo alle außer Rand und Band

und ohne Maß und ohne Ziel

voll Wonne sich besaufen. -

Deshalb nörgeln sie herum,

darum müssen wir stets darben.

Die uns schelten, solln verflucht sein,

aus dem Buche der Gerechten ausradiert!

Beim vorliegenden Trink- und Sauflied wird das Leben in einer mittelalterlichen Taverne sehr drastisch (Wunsch oder Realität?) geschildert, jedoch auf Latein. Die gelehrten Klosterbrüder verstanden den Text und hatten ihren Spaß dabei. Das einfache Volk hingegen, das nur Mittelhochdeutsch sprach, dachte auch bei diesen lateinischen Gesängen nur an heiligmäßige Hymnen.

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