" ZE OESTERRICHE LERNDE ICH SINGEN UNDE SAGEN"

(Walther von der Vogelweide)

 

"Österreich" im Mittelalter

"Österreich" - das meinte um 1200 das Herzogtum Österreich ob und unter der Enns (= Nieder- und Oberösterreich), beherrscht von den Babenbergern. Nach dem Sieg über König Ottokar II. von Böhmen (1278) folgten ihnen dort die Habsburger nach, die dann in der Folgezeit auch angrenzende Länder wie die Herzogtümer Steiermark und Kärnten, die Grafschaft Tirol und die verschiedenen Territorien 'vor dem Arlberg' unter ihre Herrschaft brachten, nicht aber das bis 1805 selbständige Erzbistum Salzburg. Das Gebiet der heutigen Republik Österreich war damals im wesentlichen, mit Ausnahme Vorarlbergs, Teil des großen bairischen Sprachraums, genauer gesagt des Mittel- und Südbairischen ("Bairisch": so schreiben die Sprachhistoriker den Dialekt dieses Raums, um ihn vom späteren "Bayerisch" zu unterscheiden).

Anfänge und erste Höhepunkte der volkssprachigen Literatur, die sich im 12.Jahrhundert in den verschiedenen mittelhochdeutschen Regionalsprachen neu herausbildete, sind im oberdeutschen Sprachraum zu lokalisieren, also in den Regionen des Fränkischen, des Alemannischen und des Bairischen. Einige der herausragenden "Liedermacher" des Mittelalters stammten aus den verschiedenen Territorien, die heute "Österreich" bilden, oder sie verbrachten dort einen wichtigen Teil ihres Künstlerlebens.

"Die Entdeckung der Liebe im Hochmittelalter":

Trobadors, Trouvères, Minnesänger

Ab 1100 hatte sich im lateinisch-westlichen Europa ganz Neues ereignet: Die Intellektuellen und der weltliche Adel begannen sich allmählich für das Leben in der Welt, für die Menschen und deren Beziehungen zu interessieren, nicht mehr nur für das Jenseits und das Reich Gottes. Ausgehend von Süd- und Nordfrankreich bildete sich - neben dem weiterhin wichtigen religiösen Schrifttum, das sich vorwiegend der überregionalen 'Vatersprache' des Latein bediente - eine volkssprachige Literatur in den verschiedenen 'Muttersprachen' heraus, epische Erzählungen (wie z.B. die 'Lieder' von Roland und Kaiser Karls Paladinen, die höfischen Romane um König Artus, die Ritter seiner Tafelrunde und deren Suche nach dem Gral sowie das "Nibelungenlied"); große didaktische Lehrwerke; Theaterstücke zur Belehrung und auch Unterhaltung der Laien - und eine gesungene Lyrik von geradezu unerschöpflicher Formenvielfalt.

Die gesungene Lyrik der okzitanischen Trobadors, der nordfranzösischen Trouvères und der deutschen Minnesänger (wie sie bereits damals genannt wurden) eroberte die Höfe und Städte des 'lateinischen' Europa mit der Gewalt einer neuen Mode. Damals fand statt, was Peter Dinzelbacher die "Entdeckung der Liebe im Hochmittelalter" nennt: Erstmals seit der Liebesdichtung der lateinischen Antike war das weltliche Zentralthema von den Beziehungen der Geschlechter wieder zum Gegenstand von Dichtung und Kunst geworden. In Personalunion von Dichter, Musiker und Vortragendem traten die Autoren (es waren fast ausschließlich Männer, nur in Frankreich gab es einige wenige Trobairitzen) vor ihr höfisches Publikum, und sie sangen von teilweise Utopischem und Revolutionärem: Von Liebe gegen die Regeln der Gesellschaft; von individuellem Glück, von Leidenschaft und Leid - und die erzählenden Dichter propagierten sogar, über dynastische Interessen hinweg, das utopische Ideal der Liebesheirat.

Sie sangen aber nicht nur von Liebe, also von "amor" und "minne", sondern auch von anderen irdischen Angelegenheiten (und insofern ist die mittelhochdeutsche Bezeichnung "Minnesänger" insgesamt etwas zu eng): Vom Bemühen, bei aller Weltlichkeit dennoch ein gottgefälliges Leben zu führen, von den Lastern einer falschen Lebensführung, von politischen Ereignissen und Problemen, und die Sänger thematisierten darüber hinaus auch ihre eigene Existenz als fahrende Künstler und den uralten Gegensatz zwischen Macht und Kunst. Dabei waren die Bereiche des Weltlichen und des Religiösen viel enger ineinander verbunden, als man sich das heute vorzustellen pflegt: Religiöses Erleben beispielsweise wurde in erotischen Bildern beschrieben, die Liebesdichtung pries Frauen wie gottähnliche Wesen, und der gebildete Klerus, der ja oft auch weltliche Macht ausübte, beteiligte sich intensiv an diesen neuen literarischen Spielen, in denen die damaligen führenden Gesellschaftsschichten ihre Selbstbestätigung formulierten, sich repräsentierten - und sich vor allem auch unterhalten ließen. Daß die Sänger und Erzähler dabei immer wieder 'eigentlich' verbotene Dingen zur Sprache sprachen, also Verstöße gegen die offiziellen Normen von Gesellschaft und Kirche, das steigerte den Reiz des Gan- zen nur noch.

"Swer des vergaeze, der taete mir leide":

Minnesänger aus und in Österreich

Die Texte von vielen tausend Liedern sind aus dem europäischen Mittelalter, also der Zeit zwischen etwa 1100 und 1500, in Handschriften überliefert. Leider haben sich sehr viel weniger Melodien erhalten, anfangs und im deutschen Sprachraum lange Zeit ausschließlich einstimmig. Ihre heutige Wiederaufführung bietet die Schwierigkeit, daß die mittelalterliche Tradition des improvisierenden, variationsreichen und oft spontanen Musizierens in Europa später von anderen Arten der Musikausübung abgelöst wurde, und daß jene alte Art des Musizierens heute erst wieder erlernt werden muß - etwa in verschiedenen Bereichen der Folklore oder bei den Arabern.

Die erste ganz eindeutig und zuverlässig überlieferte Melodie der mittelhocheutschen Lyrik ist die- jenige zum "Palästinalied" des Walther von der Vogelweide, einem raffinierten Werk der damaligen christlichen Kreuzzugspropaganda (Nr.11). Walther, dessen letzten Lieder aus der Zeit kurz vor 1230 stammen, hat nach eigener Aussage "in Österreich singen und sagen gelernt", und er galt schon seinen Zeitgenossen als die überragende "Anführerin" der höfischen "Nachtigallen" (so die Formulierungen des Gottfried von Straßburg in seinem Tristan-Roman). Was der Bamberger Literaturkenner Hugo von Trimberg um 1300 über Walther sagte, kann für viele Sänger jener Zeit gelten: "Wer ihn vergäße, der kann mir nur leid tun!"

Fast alle Themen und Formen der damaligen Lyrik finden sich in Walthers Texten. Nur wenige Melodien seiner Liebeslieder lassen sich rekonstruieren, und zwar aus dem Französischen, darunter diejenige seines "Lindenlieds" (Nr.2), eines utopischen Männertraums von repressionsfreier Liebe ohne gesellschaftliche Hindernisse (daß es sich dabei um die Liebe eines einfachen Mädchens und nicht einer adligen Dame handelt, steht im Text allerdings nirgends und ist vielleicht nur ein Ausgeburt germanistischer Schreibtischtäter der Moderne ...).

Ein jüngerer Kollege Walthers namens Neidhart, der offenbar lange am Babenberger Hof zu Wien wirkte, brachte dann eine neue und ungemein erfolgreiche Mode auf, nämlich das Kontrastieren zweier gegensätzlicher Gesellschaften: Nämlich der höfischen Welt einerseits (verkörpert unter anderem durch die Figur des "Ritters von Reuental"), und andererseits derjenigen der Ungehobelten und Grobiane, bei ihm symbolisiert von den "Dörpern" auf dem Land; es wird vermutet, daß Neidharts Melodien immer wieder Einflüsse der damaligen Tanzmusik aufgreifen. Eine reiche Überlieferung von Texten und Melodien zeigt die Beliebtheit dieses Sängers (Nr.1 [instrumental], Nr.8)

Im Gegensatz zu Walther und Neidhart war Ulrich von Liechtenstein (+ 26.1.1275) kein fahrender Sänger, der von seinen Liedern und deren Vortrag seinen Lebensunterhalt verdienen mußte; er gehörte dem steirischen Adel an, spielte in der Politik seiner Zeit eine bedeutende Rolle, und er ist in die große Gruppe der adligen "Dilettanten-Sänger" (im ursprünglichen, keineswegs negativ gemeinten Wortsinn!) zu rechnen - wenigstens zu einem einzigen seiner 57 erhaltenen Liebeslieder konnte vor kurzem (durch A.H.Touber 1987) eine Melodie rekonstruiert werden, da der Liechtensteiner hier offenbar eine Liedweise aus Frankreich übernahm und neu textete (Nr.12).

Auch die mindestens zweisprachig gebildeten Kleriker (die neben ihrer Muttersprache alle auch Latein beherrschten) übten sich damals in weltlichen Themen. Eine im Jahre 1803 im oberbayerischen Kloster Benediktbeuren gefundene und damals deswegen als "Carmina Burana" (= 'Lieder aus Beuren') getaufte Sammelhandschrift überliefert Lieder von oft ausgelassener Liebe, vom Trinken und Spielen (aber auch 'ernste' Lieder sowie geistliche Spiele), und zwar vorwiegend in mittellateinischer Sprache. Auch hier ist es erst in den letzten Jahrzehnten gelungen, mögliche Melodien zu rekonstruieren - Carl Orff konnte bei seiner erfolgreichen Neuvertonung (1937) noch keine einzige davon kennen (Nr.14, Nr. 5 [instrumental]).

Wie die "Carmina Burana", die vielleicht im Südtiroler Kloster Neustift gesammelt und aufgeschrieben wurden, so zeigen auch die Lieder des namentlich nicht bekannten Mönch von Salzburg, wie vereinbar Religiöses und höchst Weltliches damals waren. Der unbekannte Mönch war offenbar Hof- dichter bei dem Salzburger Erzbischof Pilgrim II. (1365-1396), und er hat neben sehr erfolgreichen religiösen Liedern (darunter: "Joseph, lieber Joseph mein"), auch höchst sinnliche Liebeslieder verfaßt (Nr.3, Nr.9 [instrumental]).

Durch einen glücklichen Zufall hat sich in der Burg der thurgauischen Stadt Dießenhofen (Schweiz; im Mittelalter zu den habsburgischen Vorlanden gehörend), anläßlich von Bauarbeiten im Januar 1904, ein leicht beschädigtes Einzelblatt gefunden, das weitgehend vollständig Texte und Melodien zweier Liebeslieder enthält. Die beiden aus der Zeit um 1400 stammenden Lieder, die 1994 von E.C.Lutz mit umfangreichem Kommentar und zusammen mit einer von Dulamans Vröudenton einge- spielten Kassette ediert wurden, liegen hier erstmals auf CD vor (Nr.6, Nr.7).

Graf Hugo von Montfort (1357-5.4.1423) gehörte dem Hochadel an, und er spielte in seiner Heimat Vorarlberg, in der Schweiz und in der Steiermark eine bedeutende politische Rolle. Seine Lieder, die oft einen Zug ins Selbstquälerische haben, hat er in einer Prachthandschrift sammeln lassen (Nr. 4). Daß diese erhalten blieb (heute in der Universitätsbibliothek Heidelberg) ist ebenso ein Glücksfall wie im Falle seines Zeitgenossen Oswald von Wolkenstein (ca. 1377-2.8.1445):

Dieser Angehörige des Südtiroler Landadels, der mit offenbar vehementem Selbstdarstellungsdrang alle Möglichkeiten der damaligen Lyrik ausprobierte, gilt heute als der bedeutendste Lyriker des deutschsprachigen Mittelalters neben Walther von der Vogelweide. Die "Greifenstein-Ballade" (Nr.10) ist ein politisches Lied in eigener Sache: Es feiert einen (allerdings folgenlosen) Sieg der drei Brüder Wolkenstein im Machtkampf zwischen Landadel und dem Tiroler Herzog Friedrich (dem Bauherrn des "Goldenen Dachl" zu Innsbruck).

Wiederum ein fahrender Berufsdichter war der aus Schwaben stammende Michel Beheim (ca.1420 - ca.1475), der unter anderem viele Jahre im Dienste von Habsburger Herrschern stand, unter anderem von Kaiser Friedrich III. Sein umfangreiches Werk ist größtenteils in Handschriften überliefert, die er selbst (aus Geldmangel?) geschrieben hat. Beheims Lied von den "Drei Gesellen", nämlich ein Lied von der Werbung der Dreifaltigkeit um die Gunst Marias, ist ein Beispiel für das zeittypische Ineinander von Religiösem und Weltlichem; der Sänger hat diese Melodie (seine "Hofweise") dementsprechend auch für ganz unterschiedliche Inhalte verwendet (Nr.13).

Postscriptum:

Swer giht daz minne sünde sî,
der sol sich ê bedenken wol.

'Wer sagt, daß Liebe Sünde sei,
der soll zuvor besser nachdenken.'

(Walther von der Vogelweide)

Ulrich Müller